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Haargum und Rüstück – Sprache und Spielen unterwegs

Es ist erstaunlich, wie wenig Spielzeug wir auf Reisen brauchen. Sicherlich, ein Großteil unserer Rucksäcke ist vollgepackt mit Schaufeln, Pappbüchern, Fingerpuppen und Kuscheltieren, aber das ist die Notfallration. Im Alltag behelfen wir uns anders. Am Strand und auf den Spielplätzen hier (die es hier ja dankenswerterweise gibt, auch wenn die Rutschen aus Marmor oder Plastik sind) findet sich immer eine Gruppe von aufgeregten Leuten, die bereit sind, ihren unfrohen Kindern das Spielzeug zu entreißen und es Salome auszuleihen. Wer hätte gedacht, dass Salome ihre erste Runde auf einem geborgten Stützrad in einem Park in Taipei drehen würde?

Da wir in einer WG wohnen, haben wir auch zu Hause kein Problem damit, neues Spielzeug zu finden, wenn das alte langweilig geworden ist. Ein zum Trinkspiel umfunktionierter Jenga-Turm kann so leicht als Kulisse für den Film „Lolazilla“ genutzt werden. Es ist erstaunlich, wie weit Bauklötze fliegen können.

Die besten Errungenschaften sind ohnehin neue Talente und Fähigkeiten, die sich unser Kind aneignet. An einem von Elternseite eher unkreativ gestalteten Nachmittag gelang es unserer Mitbewohnerin Caroline, unserer Tochter beizubringen, wie man sich um die eigene Achse dreht. Dieser Erkenntnisgewinn sorgte dafür, dass sich Salome von Stund an automatisch zu drehen begann, sobald Caroline den Raum betrat. Offenbar ist es für Lola auch kein Problem, dass in ihrer Umgebung viele Sprachen gesprochen werden: „xié xié“ (謝謝), „danke“ kann sie ebenso klar sagen wie das hier allgegenwärtige „bye bye“ zum Abschied. Ob Englisch, Deutsch oder Chinesisch; die verschiedenen Sprachen behindern sich beim Erlernen von so schönen neuen Wörtern wie „Noller!“ (Roller, gerne laut gerufen), „Haargum“ (Haargummi) oder „Rüstück“ (Frühstück) nicht, sondern bereichern eher unseren gemeinsamen Wortschatz. So ist eines der ersten neuen chinesischen Worte, dass ich hier gelernt habe, „Hěn kě’ài“ – „wie niedlich!“. Kein Wunder, wenn einen auf der Straße und im Park ständig Menschen anhalten, um Salome Komplimente zu machen. Die als shared spaces angelegten Parkanlagen sind für ein kleines Kind ohnehin die beste Unterhaltung überhaupt: Abgesehen von Chi-Maschinen, auf die sich ein Mädchen setzen kann, um ein wenig zu kreiseln, machte es unserer Tochter besonders viel Spaß, die Bewegungen einer der allgegenwärtigen Großmutter-Tanzgruppen zu imitieren, allen zuzuwinken und schließlich durch die komplette Masse an Leuten hindurch zu rauschen, woraufhin die komplexe Choreografie in ein vielstimmiges „Wie niedlich!“ auseinanderfiel. Dem Kind war es egal, es wollte nur zurück zu Rutsche, Spielzeug und den anderen Kindern auf diesem schönen Platz.

Als Außenstehende sind wir dennoch überrascht, wie wenig die Taiwanesen auf die Fähigkeiten ihrer Kinder vertrauen – wenn die engmaschige Überwachung doch einmal einreißt, sind die Kleinen völlig überfordert. Wann immer Lola sich aufmacht, von unten eine Rutsche zu erkunden, droht ihr von oben ein Kind ins Gesicht zu rauschen, das einfach nicht weiß, dass man eine Rutsche nicht ausprobieren sollte, solange sie unten besetzt ist. Ein Hinweisschild würde vielleicht helfen; denke ich manchmal, wenn ich etwas biestiger Stimmung bin. Ansonsten freuen wir uns, dass Lola selbst entscheiden kann, was sie entdecken will und dass wir beide daran teilhaben können.

 

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