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Ist Pushkar etwa in Mittelerde? Unser Wochenende in Bildern

Puskhar ist ein Ort voller Geschichte und Geschichten

Ich spiele ja mit dem Gedanken, den Hashtag #justindianthings ins Leben zu rufen und darunter so Dinge zu fassen wie die Hupmelodien der in Deutschland schon seit circa 1975 ausgemusterten Laster, die in etwa so klingen wie Big Ben, der Betelnuss kaut oder das „most defenitly possible“ Essen, dessen Bestandteile noch eben schnell auf dem Markt eingekauft werden müssen. Dank unseres freundlichen Guesthouse-Betreibers in Pushkar ist unser Frühstück auf der Sonnenterrasse allerdings immer schnell da. Wir sind sehr dankbar, dass wir hier so leicht trinken und essen können, denn das Land, das uns umgibt, ist mehr als trocken.

Pushkar liegt in der wasserarmen Thar-Wüste, in der Kamele so etwas sind wie eine Lebensversicherung auf vier Beinen. Am Ufer des heiligen Sees von Pushkar findet sich dieses wunderschöne Graffito, das dem Wert der Tiere Respekt zollt. Die geografische Beschreibung der Region auf Wikipedia liest sich übrigens, als hätte sich J.R.R. Tolkien unseren Aufenthaltsort einfach ausgedacht:

„Neben den etwa zwei Dritteln der Wüste, die in Rajasthan liegen, befindet sich der Rest im Süden von Haryana und Punjab und im Norden Gujarats. Die Wüste grenzt im Nordwesten an den Fluss Satluj, im Osten an das Aravalligebirge, im Süden an einen riesigen Salzsumpf namens Rann von Kachchh und im Westen an den Indus.“

„Rann von Kachchh“? Ich liebe unser Leben.

Frau vor einem Graffito in Pushkar am heiligen See

Die Architektur ist von Mittelerde auch nicht allzu weit entfernt. Die von Kuppeln und Minaretten bedeckten Häuser an den Wassertreppen, den Ghats, sehen aus, als würden sich ihre Besitzer jederzeit die Option offen halten, das nächste Stockwerk auszubauen. Auf den Dächern der Stadt spielt sich dann auch ein ganz anderer Alltag ab: Es wird gelaust, gehüpft, gesprungen; Drahtkabel werden zu architektonischen Verrenkungen genutzt und Flaggenmasten als Aussichtsposten genutzt. Es sind Hanuman-Languren, die uns hier täglich begleiten.

Blick auf den heiligen See von Pushkar

Wenn wir abends durch die engen Gassen von Pushkar schlendern, macht uns Lola recht häufig auf diese huschenden Gestalten aufmerksam, die elegant über unsere Köpfe hinwegklettern. Die hiesigen Languren gelten als die heilige Verkörperung des hinduistischen Affengottes Hanuman und leben, ähnlich wie die stoischen Kühe, ein völlig unbehelligtes Leben.

Anders als beispielsweise das Christentum, wo sich der Mensch als Krone der Schöpfung alle Tiere untertan machen soll, stehen im Hinduismus alle Lebewesen miteinander in Verbindung. Diese kleinen Affengötter bevölkern hier die Straßen und klauen Chapati. So endet unser Samstag.

Hanuman-Languren in den Straßen von Pushkar

Am Sonntagmorgen heißt es: Auf in einen neuen Abenteuertag! Heute machen wir die Stadt Pushkar unsicher, verirren uns in Basaren, geraten in eine Hochzeit (schon wieder) und baden unser Kind the indian way.

Unser Hotel hier in Pushkar sieht aus wie eine kleine Burg, die mit flatternden Fähnchen und Wimpeln besteckt ist. Das Wetter ist hier übrigens immer so gut (und im Winter auch nicht windig).

Hotelfassade vor blauem Himmel in Pushkar

Was wäre eine Burg ohne Aussichtsturm? Von unserer Frühstücksterrasse können wir die Stadt zwar auch entspannt bestaunen, aber die ungesicherte Metalltreppe zieht unser wagemutiges Kind natürlich an wie eine Packung Kekse in einem der unzähligen Lädchen hier, die sie dort übrigens folgendermaßen bestellt: „One Keks!“ – und leider meistens auch bekommt. Mehrsprachigkeit, unser Fluch und Segen.

Hotel in Pushkar und Kind mit Mutter auf einer Leiter

Sobald wir in die Innenstadt gehen, verheddern wir uns für gewöhnlich erst einmal in einer dieser Farbexplosionen, die hier Hochzeit genannt werden. Dieses Mal wurde Lola feierlich ein Segenspunkt oder Tilaka in die Stirn gemalt. Dieses dritte Auge markiert Kraft und geheimes Wissen und war in der Form des Bindi eigentlich das Zeichen für eine verheiratete Frau. Wir sind sehr dankbar für diese freundliche Aufnahme und fragen uns, welche Kräfte und welches Geheimwissen uns unser Kind wohl noch offenbaren wird.

Familie auf einer Hochzeit in Pushkar

Schnell lassen wir den Trubel hinter uns und schauen uns einen der zahllosen Shops in Pushkar an, die so wirken, als seien wir in die eine irre Textilinstallation von Van Gogh geraten. Wir betrachten die bunten Muster, die schillernden Materialien und die kreischenden Farben und hoffen, dass die eigentlich ganz dezent wirkenden Stücke, die wir ausgewählt haben, in unserer Wohnung in Deutschland nicht völlig abgedreht wirken. Nach acht oder neun Monaten Asien am Stück hat sich die eigene Geschmackskompassnadel ein bisschen umgepolt.

Bazar in Pushkar mit Kind und Mutter

Vom Shop aus haben wir einen schönen Blick über den Markt, den wir gerne als Real-Life-Wimmelbild nutzen: Wo ist die Frau mit der Gemüseschale auf dem Kopf? Ein möglicher Titel hier wäre: „Finde die Kuh!“

Main Market Road in Pushkar

Abgesehen davon, dass es eher eine Kunst ist, nicht ständig mit einer Kuh zu kollidieren, findet sich das angebetete Tier auch den Schreinen rund um den heiligen See Pushkars, genauso wie unser Freund Ganesha, der Gott des Erfolgs! Alle Götterstatuen werden von Lola nach wie vor mit großem Enthusiasmus angeschaut.

Ganesha und heilige Kühe in einem Schrein in Pushkar

Lolas Begeisterung, was indisches Essen angeht, ist ebenfalls nach wie vor ungebrochen: Es darf mit den Fingern gegessen werden, gerollte Chapatis werden ins Dal getunkt und am Ende gibt es große Mengen Zwiebeln, mit denen wir alle nichts anzufangen wissen. Auf jeden Fall müssen wir uns in den meisten Fällen hinterher umziehen und baden!

Indisches Essen und ein Kleinkind

Sehr lange haben wir unserer Badewanne in Deutschland hinterhergetrauert, bis wir festgestellt haben: Ein ganz normaler indischer Wascheimer tut es doch auch! Ein weiterer Pluspunkt an indischen Bädern ist auch die Nasszellen-Architektur: Wenn Lola hier etwas überschwemmt, endet die Wasserkaskade an der Badezimmertür.

Baden in einem Eimer in Indien

Am Abend suchen wir uns eine Dachterrasse, auf der wir dem Licht langsam beim Schwinden zusehen. Nach Indien zu reisen war ein großer Schritt für uns, und wir sind froh, dass wir ihn uns getraut haben und langsam im Land angekommen sind.

Stühle auf einer Dachterrasse in Pushkar

Manchmal fragen wir uns noch, ob sich all diese farbenfrohen Menschen als Statisten herausstellen werden, Kameras hochgefahren werden und ein Regisseur um die Ecke kommt, um zu rufen: „Los jetzt! Wir nutzen die Lichtstimmung noch für die nächsten zehn Minuten, dann ist die Szene im Kasten!“

Rajastan und Pushkar erinnern an Mittelerde - wildes Land, seltsame Namen und glühende Sonnenuntergänge vor alten Gebäuden.

Insgesamt stimmen uns die Eindrücke der letzten Tage und Wochen nachdenklich. Den See von Pushkar mit all seiner göttlichen Bedeutung ist schon seit Jahrhunderten ein fester Karawanenhalt. Jetzt hat es uns auf unserer Lebenskarawane hierher verschlagen, damit wir ein weiteres Schmuckstück in unsere Erinnerungsschatulle legen können. Wir werden lange brauchen, um all das hier zu verarbeiten.

Menschen blicken von einer Dachterasse auf den Pushkar-See


Bilder von vielen andren Familien und ihren Wochenenden gibt es wie immer bei Geborgen Wachsen.

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2 Comments

  • Reply
    jan
    Februar 13, 2017 at 4:44 pm

    Hallo Ihr Lieben,
    wie schön treffend beschrieben, das Leben und all die Wunder in Pushkar. Wir waren im November auf der Pushkar Camel Fair und es war einfach atemberaubend, dieses Spektakel zu erleben! (Auf unserem Blog gibt es gerade einen Eintrag dazu) Ist es nicht wundervoll, wie einfach das Leben wird? Kind im Wascheimer baden, mit den Fingern essen dürfen! Wie schön, dass Euer Kind all diese Wunder erleben darf.
    Liebe Grüße aus dem Norden
    Jan

    • Reply
      Olaf
      Februar 17, 2017 at 1:59 am

      Hallo Jan,
      was für ein wunderbares Bild von der Pushkar Camel Fair und was für ein wunderbarer Blog! Krass, dass ihr genau während der Währungsumstellung hier wart (Und auch in Taiwan! Wie schön!) Das Leben ist fantastisch hier (auch wenn ich mir manchmal schnelleres Internet wünsche, aber das wars denn auch. Wir haben selbst Kaffee mit Sojamilch gefunden. 😀 ) Vielen Dank für den lieben Kommentar!
      Liebe Grüße aus Pushkar,
      Josi, Olaf und Lola

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