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Kulturschock in Indien – unser Wochenende in Bildern

Ist das wirklich nur ein Wochenende gewesen? Es fällt mir schwer, unsere Reise nach Indien in einfache Worte zu fassen: Immer, wenn ich den Knoten meiner Gedanken schnüren will, löst sich alles wieder auf. Indien ist klischeehaft bunt, groß, voll und zwiespältig; ein bisschen weniger laut als gedacht und dafür etwas kälter. Kühe sind hier tatsächlich so allgegenwärtig wie wilde Hunde, und sie bedienen sich auch selbstverständlich aus den Garküchen Delhis, wenn sie Hunger haben.

Neu Delhi selbst, wo wir im Morgengrauen landen, wirkt im ersten Moment eher wie Düsseldorf: grau, ein wenig diesig, und kalt. Wo ist nur all die thailändische Wärme hin, die uns so lange begleitet hat?

Am Indira-Gandhi-Flughafen stehen schnauzbärtige Soldaten mit uralten Kalaschnikows im Anschlag, die allesamt wie die verbeamtete Version von Saddam Hussein aussehen. Versehentlich stolpern wir aus dem Terminal heraus – und stellen fest, dass wir ohne ein Rückflugticket nicht mehr in die Schalterhalle kommen. Geldwechseln fällt damit erst einmal aus. Schnell ergibt sich auch, dass die ATMs draußen entweder kaputt sind oder sich weigern, meine Karte vernünftig zu lesen.

Unsere Versuche, übermüdet wieder ins Terminal zu gelangen, wachsen sich dabei zu einer kafkaesken Suche aus – jeder einzelne Soldat an jedem Tor schickt uns zu einem Kollegen an einem anderen Eingang. Hineinlassen will uns keiner. Das Ganze geht so gut anderthalb Stunden, bevor wir aufgeben. Hinter Regeln, so wird uns schnell klar, ist in Indien viel Platz zum Verstecken. Bald können wir uns kaum noch auf den Beinen halten, immerhin sind wir die Nacht durchgeflogen. Zum Glück funktioniert unsere Karte schließlich doch noch, und wir können in ein Taxi kriechen. Kleidungsschicht für Kleidungsschicht landet an unseren Körpern, aber so richtig warm wird uns erst unter den Decken in unseren Hotelzimmern. Dort bestellen wir uns unser erstes indisches Essen, ein erster Lichtblick – während draußen der Regen die Straßen so langsam in Matsch verwandelt.

Die Umgebung unseres Hotels wirkt wie aus einem Terry-Gilliam-Film: Große, immer gleich aussehende Hotelschriftzüge, die in fahlem Rot vor sich hinleuchten, volle, dampfende Häuserschluchten, in denen Kinder auf Metallschalen Seiltanz aufführen und innerhalb von Minuten wieder verschwinden, als hätte ein Straßenzug diesen Zirkus verschluckt; Polizisten, die auf rasanten Kamelen zu ihren Einsätzen reiten, und dazwischen der säuerliche Geruch von Kuhfladen. Vieles wirkt so, als würden Jahrhunderte parallel nebeneinander existieren und sich vermischen – Rickschas und Drahtesel neben modernen SUVs und banalen Motorrädern.

Am nächsten Morgen ist der Himmel dankenswerterweise klar, und wir beschließen, in einem Restaurant einen Dosa zu essen.

Dosa ist eine Art Pfannkuchen, der mit drei unterschiedlichen Soßen serviert wird; in unserem Fall eine auf Linsen-, eine auf Tomaten- und eine auf Kokosnussbasis. Das Ganze schmeckt zwar extrem lecker, ungefähr wie ein herzhafter Crêpe, aber ist essenstechnisch eine große Herausforderung. Ständig bröckelt irgendwo etwas ab, und dass Lola versucht, den ganzen Dosa auf einmal zu essen, hilft nur bedingt. Direkt uns gegenüber verspeist eine junge Inderin das identische Gericht, und wir sehen es nicht einmal dezent krümeln. Irgendwas machen wir falsch, aber was nur? Letztlich finden wir uns damit ab, dass es Speisen gibt, die sich nicht elegant essen lassen.

Was uns als erstes aufgefallen ist in dieser Nacht, als wir auf unserer Durchreise von Bangkok nach Delhi am Flughafen von Kolkata ankamen: Wo sind all die Touristen, die sonst immer unseren Weg gekreuzt haben? Schon im Flugzeug saßen nur zwei weitere Weiße. Hier im Restaurant, wie auch sonst, sind wir die einzigen. Irgendetwas machen wir anders. Damit wir ein Gespür für die Stadt bekommen, machen wir uns auf zu einigen Sehenswürdigkeiten. Als erstes besuchen wir einem der berühmtesten Sikh-Tempel, dem Gurudwara Bangla Sahib.

Hier müssen wir unsere Schuhe ausziehen, was auf dem nackten Marmor ganz schön kalt ist. Dafür bekommen wir aber bunte Kopfbedeckungen, die hinterher natürlich auch wieder gründlich aufgeräumt werden müssen.

Die heiligen Orte der Sikh-Religion, deren männliche Gläubige Turbane und Bärte tragen, hat einen ganz eigenen, irgendwo zwischen Moschee und buddhistischem Tempel angesiedelten Stil, wobei die Wächter des Gurudwara aussehen, als könnten wir über sie leicht den Sultan von Agrabah aus „Aladdin“ kennen lernen. Mir haben sie jedenfalls ordentlich Respekt eingeflößt, ebenso wie die oft fälschlicherweise mit dem Islam oder dem Hinduismus gleichgesetzte, auf Nächstenliebe und die Erlangung inneren Friedens ausgerichtete Religion.

Vom Gurudwara geht es weiter zum Humayun-Mausoleum, dem ersten Mogulgrab in Indien und mit 150 Familiengräbern nur halb im Scherz „Schlafsaal der Mogule“ genannt. Auch im weiteren Umfeld liegen bescheidenere Gräber, neben denen Jugendliche heute Cricket spielen.

Heute sind die wie steinerne Pilze aus der Ebene wachsenden Mausoleen ein Abenteuerspielplatz mit Affen für Lola – und UNESCO-Weltkulturerbe.

Die Gärten der Anlage strahlen eine Ruhe aus, die ansonsten schwer zu finden ist im dunstigen Dehli. Hier kann unsere Tochter endlich mal zeigen, wie gut sie balancieren und klettern gelernt hat.

Für uns ist es sehr überraschend, dass mitten in der schmutzigen, lauten Hauptstadt Indiens, von dem uns alle so abgeraten hatten, ein derartiges Juwel liegt. Als Vorbereitung auf das Taj Mahal in Agra eignet sich die Anlage ohnehin, denn sie ist eines ihrer Vorbilder.

Wir lassen uns von dem unglaublichen Licht verzaubern, dass den indischen Himmel zum Sonnenuntergang überzieht, und wollen diesen Ort der Liebe, den Humayuns Witwe zu seinem Gedenken errichten ließ, lange nicht verlassen.

Wir tanken dort noch ein bisschen Sonne, bevor es für uns am nächsten Tag mit dem Zug weiter nach Agra geht.

Der nächste Tag beginnt für uns früh am Bahnhof. Das Leben in Indien findet für viele Einheimische draußen statt – mangels Alternativen. Auch wenn die Welt, die draußen an den vergitterten Zugfenstern an uns vorbeizieht, farbenfroh und exotisch aussieht – sie ist vor allem eins – ärmlich.

Es hat gute Gründe, dass die Zugfenster so stark gesichert sind, und das sind sie nicht unbedingt, weil die Schienen so nah an den Wohngebieten vorbeiführen. Der gesamte Jhelum-Express, mit dem wir die 300 Kilometer von Delhi nach Agra fahren, wirkt wie eine gepanzerte Festung, ein Snowpiercer in warmen Gefilden. Und wir, die Reichen des vorderen Zugteils, blicken auf die Armut vor uns wie in ein Aquarium.

Hier in Indien spüren wir auf einmal, zu was für einer privilegierten Schicht wir gehören, und wie wir einfach nur durch unsere Existenz Bedürftige anziehen. Ich war bislang der Ansicht, dass mich wenig wirklich treffen kann, aber der Anblick von bettelnden Kindern macht mich wütend. Wütend, weil den Kindern ihre Jugend geraubt wird, wütend, weil ich ihnen nicht helfen kann, sondern sie abweisen muss. Für alle Einheimischen scheint es kein Problem zu sein, all die Armut zu ignorieren. Das Mädchen, das Lola eben noch freundlich eine Waffel geschenkt hat, blickt durch den verschnupften Bettlerjungen neben ihnen einfach hindurch. Unser aufgeschlossenes Kind versteht die Welt nicht mehr, warum wir auf einmal fast Gleichaltrige mit einem harschen „No!“ wegschicken. „Kinder No macht?“, fragt sie immer wieder, und mir zerspringt fast das Herz.

Kinder, das waren für mich selbst im schlimmsten Touristenslum die sicheren Häfen, diejenigen, auf die wir bedenkenlos zugehen konnten. Hier ist alles anders, und es fällt mir schwer, mein angeknackstes Vertrauen zu beruhigen. Indien ist bisher beides für uns – mürrisch, aufdringlich, gierig und schmutzig – und freundlich, aufgeschlossen, großzügig und schön. Die wenigen Tage hier haben sich schon fast wie ein Jahr angefühlt. In Agra angekommen weicht uns langsam der Kulturschock aus den Knochen, und wir wandeln durch die Gassen einer Stadt, die wir schon lange sehen wollten. Über den Dächern erhebt sich eine weiße Kuppel, das Taj Mahal.

Der Blick dorthin ist der Blick auf ein Tor zu einer anderen Welt, dass je nach Lichtstimmung mit dem Himmel spielt oder mit ihm verschmilzt: Das Taj Mahal ist genauso wunderbar, wie wir es uns seit den ersten Was-ist-Was-Büchern zum Thema moderne Weltwunder vorgestellt haben. Das Wochenende beenden wir auf der Dachterrasse unseres Hotels, und die Aussicht, finden wir, schlägt jeden Pariser Eiffelturm um Längen.


Bilder von vielen andren Familien und ihren Wochenenden gibt es wie immer bei Geborgen Wachsen.

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2 Comments

  • Reply
    Chris
    Januar 31, 2017 at 10:15 pm

    Unglaublich toll und eindrucksvoll geschriebener Artikel. Kann kaum erwarten, wie eure Reise in Indien weitergeht.

    Danke für diese Eindrücke!

    Liebe Grüße von uns allen, vor allem natürlich ab Lola, deren Anwesenheit uns sehr fehlt!

    • Reply
      Olaf
      Februar 1, 2017 at 1:01 am

      Vielen Dank! Ihr fehlt uns auch sehr – Lola sagt jetzt manche Sachen mit genau derselben Intonation wie Liam. Indien zusammen mit euch würde sicherlich auch Spaß machen.

      Liebe Grüße – noch – aus Agra, morgen gehts weiter nach Jaipur. Genießt das saubere und berechenbare Thailand. 😉

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