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Männer wechseln keine Windeln, Frauen hören nur zu – Geschlechterklischees in Indien

Männer wechseln keine Windeln, Frauen hören nur zu - Geschlechterklischees in Indien.

Indien treibt uns manchmal einfach zum Wahnsinn. Josi wird hier als Frau komplett von den Männern ignoriert. Sie ist einfach keine Person, mit der Mann Geschäfte machen oder auch nur gesondert reden kann. Das bedeutet, dass ich Gespräche mit Männern führen muss, die ich nicht besonders sympathisch finde, über Themen, von denen ich wenig bis gar nichts verstehe, zu Zeiten, wo wir eigentlich am liebsten nur im Bett liegen und schlafen wollen.

Wir bewegen uns nicht nur abseits unserer normalen Pfade, sondern uns wird auch durch die Reaktionen unserer Gesprächspartner deutlich, wie ungewöhnlich es hier ist, gemeinsam als Paar Dinge zu entscheiden.

In diesem Punkt scheint Indien den arabischen Staaten näher zu sein als den asiatischen Ländern, die wir bisher bereist haben. In Indonesien oder Thailand ist es für die jungen Väter selbstverständlich, mit der Tochter auf dem Arm unterwegs zu sein oder öffentlich mit dem Sohn zu spielen. Die Familienstrukturen wirkten auf uns weit ausgeglichener als in Indien.

Es beginnt schon damit, dass Frauen in der Öffentlichkeit fast nie als Verkäuferinnen auftreten und zumindest hier in Agra auch ihr häusliches Umfeld seltener verlassen. Dieser Mangel an weiblichem Führungspersonal bedeutet leider auch, dass die Männer wütend werden, wenn ich meinem Kind die Windeln wechseln gehe, weil mir meine Ehefrau in ihren Augen auf der Nase rumtanzt. Josi hingegen sieht keinen Stich, wenn sie auch einmal versucht, einen Preisvorschlag zu machen.

Wir leben nicht in getrennten Welten

Wir können so unsere Kompetenzen gar nicht richtig ausspielen. Josis guter Geruchssinn ist besser abseits einer vollen Windel aufgehoben, und ich kriege Stehhaare, wenn mir jemand keinen Festpreis nennt. Hier wollen die Leute Josi mit einem Haufen Kinderdung einsperren und mich zum zehnstündigen Dauerfeilschen zwangsverpflichten.

Ich kann das aber gar nicht so gut. In unserem normalen Reisealltag macht das nichts, weil wir als Team zusammenarbeiten und so am Ende ganz gute Kompromisse für alle Beteiligten finden. Hier aber bin ich so verwirrt, als Einziger angesprochen zu werden, dass wir am Ende für das doppelte Geld eine Rikscha mieten. Es ist, als ob plötzlich ein stützender Bogen wegbricht, und ich mit den Armen in der Luft rudern muss, um nicht hinzufallen. Wir fühlen uns, als müssten wir permanent gegen Geschlechterklischees ankämpfen, die wir für uns nie als bedeutend angesehen haben.

Nach einigen Tagen in Indien sind wir froh, dass wir unser Leben nicht aneinander vorbei in getrennten Welten und mit getrennten Zuständigkeiten verbringen müssen. Wenn man als Ehepaar in komplett unterschiedlichen Wirkungsbereichen lebt, entgeht einem nicht nur ein wertvoller Dialog mit dem eigenen Partner, sondern auch die Möglichkeit, vom jeweils anderen zu lernen. Wir sind sehr dankbar dafür, dass wir gemeinsam und gleichberechtigt sowohl über die alltäglichen wie die ungewöhnlichen Dinge des Lebens entscheiden und am Ende nicht einer allein mit der Last der Verantwortung dasteht. Der Alltag in Indien ist für uns auch deshalb so anstrengend, weil wir uns hier nicht gut ergänzen und ausgleichen können – und dieses Ungleichgewicht finden wir auch im täglichen Leben hier wieder.

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2 Comments

  • Reply
    Renate
    Februar 6, 2017 at 4:42 am

    Hallo Ihr Beiden,

    das stelle ich mir wirklich schwierig vor! Ich war z.B. immer diejenige, die den indischenglischen Akzent am Besten verstanden hat. Ich bin viel hartnäckiger beim Feilschen, mein Mann kann das gar nicht. Freue mich, an Euren Erlebnissen teilhaben zu dürfen.

    Liebe Grüße
    Renate

    • Reply
      Olaf
      Februar 10, 2017 at 10:23 pm

      😀 Liebe Renate,
      das ist ja fantastisch! Hier in Pushkar ist es viel besser – wir haben sogar das Gefühl, das Josi hier von den Händlern ernster genommen wird als ich. Wir können Deine Erfahrungen also sehr gut nachvollziehen!

      Lieben Gruß von uns dreien!

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