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Müll für Elise

Als wir nach einer Woche abends durch den Daan-Park gehen, fühlen wir uns endlich angekommen und neue Einsichten brechen über uns herein. Der allgegenwärtige Glaube macht es uns leicht, auch unsere eigene Spiritualität und Religiosität zu hinterfragen. An jeder Straßenecke finden sich kleine Tempel, deren Spruchteppiche in Plastikfolie geklebt sind wie das Sofa in der guten Stube der Großeltern.

Überhaupt ist der Plastikverbrauch hier für einen Europäer, der sich an ein „grünes“ Leben gewöhnt hat, erstaunlich bis beängstigend. Plastiktüten und -flaschen werden hier in einem Tempo und mit einer Begeisterung ausgegeben, die der Fortschrittsgläubigkeit der Deutschen in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts ähnelt. Wobei gerade wir Deutschen eine beruhigend strikte Mülltrennung vorfinden, die allerdings auf sehr asiatische Weise zelebriert wird. Zu den Takten von „Für Elise“ oder zu anderer klassischer Musik nähern sich zu gegebener Zeit Müllwagen. Alles, was laufen kann und Abfall hat, schnappt sich seine Säcke und zieht los. Wie magisch von der Musik angezogen bewegen sich Menschen allen Alters auf die Straße – auf Krückstöcken, mit Mofas, selbst mit Rollstühlen. Eigentlich feiert man eine schöne Müllparty, trifft die Nachbarn – und der Abfall wird auch noch sortiert. Da der Müllwagen fast jeden Tag kommt, vergammelt nichts und das Ungeziefer findet nicht so viel Nahrung – sehr wichtig in einem subtropisch bis tropischem Land. Aus demselben Grund gibt es übrigens auch kaum noch öffentliche Abfalleimer in Taipei – was uns in unserer ersten Woche an den Rand der Verzweiflung gebracht hat. Wir haben damals schließlich unseren Müll heimlich in nicht für Hausmüll (ein Schild!) vorgesehenen Behältern in der U-Bahn entsorgt. Vorher mussten wir mit dem Müll durch die komplette kilometerlange Untergrund-Mall schlendern. Ja, man macht viel, wenn man verzweifelt ist.

Kein Wunder wird das Ritual des Müllsortierens geradezu kultisch zelebriert, wenn es hier so wenige Mülleimer gibt. Aber im Ernst: Religiosität ist ein selbstverständlicher Teil des hiesigen Lebens. Am Daan-Park stehen Kirchen aller Glaubensfarben neben Moscheen und den immer gegenwärtigen Pagoden. In Maokong treffen wir eine Familie, die direkt neben einem uralt anmutenden taoistischen Tempel lebt. Auch sie hat – natürlich – einen Bezug zu Deutschland („So ein schönes Land! Wir lieben es!“). Die Tochter erklärt uns überraschten Besuchern, dass ihr Großvater den Tempel in vierzig Jahren selbst erbaut hat, und sie selbst für ein Jahr als Austauschstudentin in Münster gelebt hat. Ich erwidere, dass mir kein Deutscher bekannt ist, dessen Großvater im Alleingang eine vergleichbare Kirche errichtet hätte – zumal die Aussicht über Taipei ohnehin mit nichts in unserem Land zu vergleichen ist.

Die meisten Gebetsorte haben gerade deshalb etwas liebevoll Selbstgebasteltes – wie ohnehin das ganze Land zwischen Modere und Altertum, verschachtelten und verbauten Häusergassen und Banktürmen hin- und herschwankt. Taiwan ist, im Gegensatz zu Deutschland, ein Ort, an dem das Alte nicht wichtiger zu sein scheint als das Neue. Alles ist gleichwertig in Benutzung – immerwährendes, spirituelles Recycling.

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