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Nepartak, der Supertaifun

Der Beginn der Regenzeit in Taiwan ist auch häufig der Beginn der Taifunsaison. Dieses Jahr erwischt es uns besonders hart – den „stärksten Taifun in Taiwan seit 16 Jahren“ prognostiziert Jörg Kachelmann für uns auf der Insel. Ja, der ist ja auch schön weit weg im gemütlichen Deutschland.

Mittlerweile gilt „Nepartak“ als Supertaifun, das heißt, er erreicht eine Windgeschwindigkeit von über 250 Stundenkilometern. Es fällt mir schwer, etwas so Schnelles zu begreifen. Die taiwanesische Geschichte von den im Sturm umgeknickten Briefkästen fällt wir wieder ein, inzwischen ein beliebtes Fotomotiv auf der Insel. Die Rohre, mit denen die Briefkästen im Boden verankert waren, sind so dick wie meine Oberschenkel. Alles im Haus kommt mir so klapperig vor, die Fenster, die Türen – bis mir Josi erklärt, dass die Architekten hier aus gutem Grund auf Durchlässigkeit setzen – der Wind soll erst gar keine Angriffsflächen finden.

Inzwischen ist es dunkel geworden und die ersten Regentropfen fallen auf unsere WG am anderen Ende der Welt. Alle außer mir haben hier zum Glück Taifunerfahrung und können mich beruhigen, wenn ich die besorgniserregenden Geschichten über braunes Trinkwasser oder die Bereitmachung von 35.000 Soldaten im Osten des Landes höre und lese. Wir haben ein bisschen Essen, Wasser und Windeln auf Vorrat. Das muss reichen. Überraschenderweise kommen mir die alarmistischen Zeitungsartikel aus Deutschland viel panischer vor als die so als ängstlich gescholtenen Taiwanesen. Das Urlauber von weit draußen im Meer liegenden Inseln aufs Festland gebracht und Regionalflüge eingestellt werden, erscheint mir nur sinnvoll. Überhaupt, solange unser Herz- und vor allem Magenladen 7/11 (sprich: „Seven Eleven“) offen hat, machen wir uns keine Sorgen. Es ist spannend, zu sehen, wie schnell wir uns an die Gesellschaft gewöhnen, die uns umgibt. Was wir am Anfang noch befremdlich fanden – Sicherheitshinweise an allem, das zwanghafte Schlange stehen, die endlosen Untergrundmalls mit spezialisierten Geschäften, die nur Klebeband oder Nägel oder Gürtel führen – gibt uns zunehmend ein gutes Gefühl. Wie angenehm ist es doch mit Kind, immer einen Platz in der U-Bahn zu bekommen – und sollten die blauen Priority Seats einmal besetzt sein, springt bestimmt eine Oma auf, nur um den Jungen einmal zu zeigen, wie man es richtig macht. Keine Spur davon, dass ich mit Salome in der Manduca angerempelt werde, wie es mir in Berlin so oft passiert ist. An diese Begeisterung und Bevorzugung müssen wir uns erst gewöhnen (und uns später vermutlich entwöhnen).

Unsere Mitbewohnerinnen Caroline und Angela stellen uns eine „Taifunparty“ in Aussicht. Darunter versteht man hier, in Ermangelung sonstiger Alternativen wie Essen gehen, Fernsehen, Shoppen oder Arbeiten einen gemütlichen Spieleabend, der auch dann nicht aus dem Lot gerät, wenn mal der Strom ausfällt. Josi erinnert mich an die gerüchteweise abrupt gestiegene Geburtenrate im Raum New York nach dem großflächigen Stromausfall 2003. Vielleicht lassen sich für Taiwan ja ähnliche Ausschläge nachweisen. Generell scheint Taiwan gut gerüstet für einen Babyboom, der seit Jahren nicht eintritt. Arbeit und noch mehr Arbeit bei sinkenden Einkommen haben vielen Taiwanesen den Kinderwunsch unmöglich gemacht. Die früher allgegenwärtige Großfamilie mit vielen Kindern gibt es nicht mehr. Kein Wunder in einem Land, dass eine potenziell schwere Naturkatastrophe etwa so feiert wie bei uns alle Hitzefrei – weil die Ruhepausen für die Bevölkerung so selten geworden sind, dass Urlaube umgehend mit Einkäufen gefüllt werden müssen, damit nicht alle in einen gefährlichen gedanklichen Leerlauf geraten. Interessanterweise wurden wir mit Kind auf dem Arm bisher nur einmal angerempelt – am Sonntag, wenn die Menschen verzweifelt versuchen, ihre freie Zeit zu vershoppen und weder links noch rechts von sich etwas sehen.

Es grenzt schon an Satire, wenn diese Menschen dann auf uns zukommen und uns im Namen aller Taiwanesen zu unserer deutschen Arbeitswut beglückwünschen. Andererseits lässt sich kein besseres Land vorstellen, um sich mit neuen Arbeits- und Lebensmodellen von der Masse abzuheben. Nichtsdestotrotz verfügen die Taiwanesen dennoch über ein dichtes kulturelles Netz an Maßnahmen, um die Arbeitsbelastung abzufangen – Freiräume wie gemeinschaftlicher Tanzsport, die hohe Achtung gegenüber Kindern und Alten, der obligatorische Restaurant- oder Nachtmarktbesuch oder eben die Taifunpartys lassen einen dieses Land lieben – weil das Lebensgefühl trotz aller Ängste und Belastungen ein grundsätzlich Positives ist.

Letztlich verpasst uns der Taifun knapp, so dass wir in der Nacht plötzlich aufwachen, weil der Regen aufgehört hat. Wir glauben uns erst im Auge des Sturms, doch schnell zeigt sich, dass die Berge im Taipeier Umland den Sturm abgehalten haben. Am nächsten Tag bleiben die meisten Büros und Schulen aus Sicherheitsgründen dennoch geschlossen – aber wie Angela uns erklärt: solange „7/11“, der allgegenwärtige Supermarkt geöffnet ist, ist die Lage nicht wirklich bedrohlich. Vielleicht sollte das jemand Herrn Kachelmann vor dem nächsten Supertaifun sagen.

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