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Reisen mit High Needs Kind

Mama mit bedürfnisstarkem Kind auf Reisen

Als unsere Tochter Lola auf die Welt kam, hat sie für uns die Welt ganz schön auf den Kopf gestellt. So oder so ähnlich würden wahrscheinlich die meisten Eltern schreiben, wenn man sie bitten würde, von den Gefühlen als frischgebackene Mamas und Papas zu berichten.

Ja, unsere Welt wurde auf den Kopf gestellt, wie die von anderen Eltern auch. Es hat viele Monate, vielleicht sogar Jahre gedauert, bis wir begriffen haben, dass sie sich zusätzlich im Schleudergang befand.

Die Sache mit der Bubble

Mit Lola hatten wir ein aufgewecktes, hochenergetisches Kind, das so gut wie nie schlief. Schon in der Schwangerschaft wurde ich halbe Nächte lang wach gehalten, weil in meinem Bauch wilde Tanzpartys veranstaltet wurden, zu denen ich zwangseingeladen war.

Dass wir unsere Tochter nach ihrer Geburt jeden Abend und auch tagsüber stundenlang in den Schlaf getragen haben, kam uns völlig normal vor. Schließlich war sie unser erstes Kind und Olaf und ich ein derart eingespieltes Team, dass wir das trotz wachsender Müdigkeit alles irgendwie hinbekamen. Manchmal musste ich schon über die Artikel aus dem Internet schmunzeln, die durchschnittliches Schlafverhalten von Neugeborenen angaben – Lola lag viele Stunden darunter. „Nun ja, Kinder sind eben unterschiedlich, was ist schon eine Norm“, dachte ich und schuckelte das Glücksbündel weiter. Da wir keine Freunde mit Kindern im ähnlichen Alter hatten, besaßen wir keine Vergleichsmöglichkeit. Für Babykurse waren wir schlichtweg zu müde und wollten uns nicht noch zusätzlich den Stress von festen Terminen antun. So saßen wir in unserer winzigen Familienbubble und bekamen von der Außenwelt wenig mit.

Fragen, wann wir endlich ordentlich arbeiten gehen würden, beantworten wir  inzwischen mit kräftigen Augenringen und leichter Gedankenverzögerung gesegnet mit einem verwirrten: „Hä?“. Arbeiten und uns angemessen um unsere Tochter kümmern, die ständig Ansprache und Unternehmungen brauchte, wäre schlichtweg unmöglich gewesen.

Augenringe und Nachtspaziergänge

Olaf hat trotz allem im heißen 38 Grad Sommer mit Lola in der Trage seinen Uni-Abschluss gemacht – kurz danach mussten wir spontan umziehen, weil wir Schimmel in der Wohnung hatten. Lola wachte zu der Zeit nachts jede Stunde auf, meistens schlief sie sogar nur 30 Minuten am Stück und musste dann ähnlich lang wieder in den Schlaf getragen werden. Ratschläge wie: „Dann wechselt euch halt ab!“ kamen uns vor wie der blanke Hohn.

Komischerweise kam trotz dieser schier übermenschlichen Anstrengungen kein weißer Ritter zur Hilfe geeilt. Niemand hatte auch nur ein Wort der Anerkennung. Wir waren erschöpft, verwirrt, verwundert und absolut überfordert. Ganz so hatten wir uns den Familienalltag mit unserem Wunschkind nicht vorgestellt. Wir hatten nicht erwartet, dass wir jeden Tag über unsere körperlichen Grenzen gehen werden müssten, dass wir vor Müdigkeit trunken halbe Nächte lang durchs eisige Berlin wanken würden, dass, sobald einmal ein Baby da ist, kein Mensch nach den Eltern fragt.

Kein Support ohne Geld

Hätten wir unser Kind in „sichere“ Verhältnisse geboren; beide vorher feste, gut bezahlte Jobs gehabt (oder das, was man mit einem „Philosophie und irgendwas mit Kunst“-Studium eben bekommt) und etwas mehr Elterngeld erhalten, dann hätten wir uns vielleicht Babysitter und eine Haushaltshilfe leisten können. So war zwar genug Geld zum Leben da, aber für so Firlefanz wie einen Babysitter, damit wir mal ein wenig Schlaf aufholen können, war kein Spielraum.

Hätten wir vor drei Jahren schon gewusst, dass wir nicht ein relativ durchschnittliches Kind durch die Nächte schaukeln, sondern eben eines mit besonderem Temperament und extrem starken Bedürfnissen – eben ein High Needs Kind – vielleicht hätten wir bereitwilliger Hilfe gesucht. So hatten wir vor allem das Gefühl, gerade so zu zweit der Situation Herr zu werden – und waren trotzdem überlastet. Das ließ ein Gefühl von Ohnmacht und Schwäche bei uns zurück, mit dem im Rücken es ziemlich schwierig war, einen Ausweg zu finden.

Zeit für die Welt

Irgendwann, als es wirklich nicht mehr weiter ging, nach wie vor nicht an Arbeit zu denken war und das Geld endgültig zu Ende zu gehen drohte, fassten wir den Entschluss, einmal richtig mutig zu sein und alles auf eine Karte zu setzen. Wir spürten, dass es uns in Deutschland nicht gut ging. Dass unser Kind, das ständig Input brauchte, mit Parks und Seen und anderen kostenlosen Kinderbespaßungsalternativen langsam nicht mehr ausgelastet war. Wir wurden immer müder und waren inzwischen so fertig, dass wir ständig krank wurden. Jede Erkältung erwischte uns hart und machte die ohnehin schon anstrengenden Tage noch zehnmal schwieriger. Olafs Morbus-Chron-Schübe wurden bedenklich und meine Haut war von schlimmer Neurodermitis gezeichnet.

Also beschlossen wir, unseren Besitz zu verkaufen und hinaus in die Welt zu ziehen. Wir wussten nicht ganz genau, was auf uns zukommen würde. Aber wir wussten, dass wir eine Auszeit brauchten. Weniger Planen, weniger Socken auf strampelnde Kinderfüße schieben, weniger Wohnzimmer saugen und viel weniger gut gemeinte Ratschläge. Dafür Sonne und Meerwasser, frisches Curry und Freiheit.

Zwei Rucksäcke auf dem Rücken und ein einjähriges bedürfnisstarkes Kind in der Trage starteten wir also in unser großes Abenteuer.

7897 Freunde später

Und plötzlich wurde alles leichter.

Wir konnten voll und ganz nach unserem Rhythmus leben. Für unser extrovertiertes Sozialkind war eine Reise nach Asien der absolute Segen. Überall wurde sie angegrinst und jeder Mensch wollte sofort ihr Freund sein (mindestens 7897 taiwanesische Instagram-Accounts mit Fotos unserer Tochter bestätigen das).

Wir mussten nicht mehr putzen, nur noch kochen, wenn wir unbedingt Lust darauf hatten und konnten jeden Tag aus hundert spannenden Unternehmungen wählen.

 

 wie das Fliegen mit bedürfnisstarken Kindern klappen kann, kannst hier hier nachlesen

Das Bus- oder Zugfahren war am Anfang noch wirklich schwierig. Lola war es gewöhnt, nach Bedarf und spätestens alle 60 Minuten gestillt zu werden. In Taiwan wird das in der Öffentlichkeit und vor allem in der Metro sehr ungern gesehen. Aber auch diesen Stolperstein konnten wir durch viel Geduld und innere Entspannung überwinden. Unser Radius wurde immer weiter und unsere Reise fing an, uns als Familie zu verändern.

Wir begannen uns stärker mit bedürfnisorientierter Erziehung zu beschäftigen. Vieles davon hatten wir intuitiv schon passend für uns gelöst, aber es war sehr hilfreich, weitere Ratschläge für schwierige Situationen zu finden. Irgendwann stießen wir dann auf das Konzept von Nichterziehung und fühlten uns wie erlöst – jetzt konnten wir ganz loslassen. Wir mussten nichts mehr. Wir durften sein, wo wir wollen und miteinander leben, wie wir wollten. Wir konnten uns erlauben, auf unser temperamentvolles Kind einzugehen, dem die eigenen und die fremden Gefühle so sehr zusetzen. Und wir hatten endlich die Möglichkeit, uns ein Leben einzurichten, dass für uns drei passt. Keine Rechtfertigungen, keine Meilensteinpläne, keine kritischen Blicke in der Straßenbahn.

Sockenfrei, Bananenbrei

Wir sind nach über zwei Jahren Reiseleben immer noch müde. Aber wir sind auch wirklich, wirklich glücklich. Jeden Tag.

Die Tage sind nicht direkt von Rumgammele und Entspannung geprägt, aber wir baden in heißen Quellen, von denen man Elefanten beim Mittagsspaziergang beobachten kann. Schauen uns satt an hundert verschiedenen Grüntönen und sehen morgens den Nebel über die Berge steigen. Haben viele inspirierende, verrückte und wundervolle Freunde, die unser gefühlsstarkes Kind ganz entspannt so wild und unbändig liebevoll sein lassen können, wie es ist. Wir haben viel Raum zum Toben und Spielen und sind so gesund und fit wie seit Jahren nicht. Wir brauchen weniger Geld zum Leben und arbeiten gerade genug. Essen gut und günstig. Genießen frische Kokosnüsse und Bananen.

Und haben schon seit Monaten keine einzige Socke mehr angefasst.

 

Hast du schon mal den Begriff High Needs Kind oder bedürfnisstarkes Kind gehört? Wir haben gerade erst gelernt, dass es viele Eltern gibt, deren Kinder einfach „mehr“ brauchen. Informationen zu diesen Begriffen findest du hier.

Ein ganz tolles Buch zum Thema, das uns gerade sehr weiter hilft, ist dieses*.

Lass uns wissen, was du von meinen Gedanken hältst und ob für dich Reisen mit (bedürfnisstarkem) Kind eine Option wäre. 

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