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Taiwan – Sicherheit in der Fremde

Das überwältigende Gefühl in Taiwan ist Sicherheit.

Diese kleine Inselgesellschaft funktioniert über soziale Stabilität; alle sind eine verschworene Gemeinschaft. Kaum jemand von außerhalb, ob Mensch oder Nation, weiß etwas mit diesem kleinen Land anzufangen, das behauptet, China zu sein, wenn er es nicht selbst besucht hat. Deshalb, und weil Josi Chinesisch spricht, ist diese Insel unser erstes Ziel in Asien.

 

Werde Teil des Ganzen

Taiwan verschmilzt jeden mit seiner Identität. Entweder du wehrst dich als Besucher dagegen und wirst die personifizierte weiße Alternative, die über alles lacht, was dir unverständlich vorkommt – die akribische Mülltrennung, der Shoppingwahn, die allgegenwärtigen Selfiesticks, die obskure Architektur – oder du wirst Teil des Ganzen und erlebst, wie du dich langsam, aber sicher verwandelst.

 

Tempel in Maokong, Taipeh (Taiwan)

 

Der erste Schock

Kaum aus dem Flieger gestiegen, kollabierten wir fast auf der Suche nach unserem Hostel in der Mittagshitze – zu warm, zu lange Strecken mit zu schwerem Gepäck (und Tragekind), und selbst die Bezeichnung der Seitenstraßen erschien uns unlogisch – und das, obwohl Josi vor drei Jahren schon einmal hier war. Taiwan als leichter Start für die Familienweltreise? Das hatten wir uns anders vorgestellt.

 

Schwieriges Ankommen

Die Kreditkarte funktioniert nicht; ich muss unsere letzten Euros eintauschen, damit wir überhaupt den Bus in die Stadt nehmen und etwas essen können – und das nach einem 14-Stunden-Flug mit zahnendem Kleinkind ohne eigenen Sitz über Hong Kong nach Taipei. Draußen brät uns eine staubige Sonne unerbittlich zu tropischer Asche. Wir missverstehen das zugegebenermaßen einfache Warteschlangensystem (alle stellen sich in eine Schlange und warten dann auf ihren Bus, was in diesem Fall der eine Bus ist, denn alle wollen vom Flughafen Taoyuan im Norden Taipeis in die Hauptstadt.) Nachdem eine Fahrkartenabreißerin uns auf Chinesisch angebrüllt hat, ahnen wir, dass wir uns nicht vorne am Bus, sondern hinten am Ende der Schlange einordnen müssen – leider ist diese in der Zwischenzeit um zwanzig Meter gewachsen. Ein wenig traurig: Nachdem wir vorher dank unserer kleinen Tochter am Visaschalter in die Priority Lane durften, zerren wir jetzt unsere Riesenrucksäcke ans Ende der Schlange und stellen uns unter die heiße Mittagssonne – denn in Taiwan gilt: Eine Regel ist eine Regel ist eine Regel. Und wer Regeln verletzt, verletzt die innere Sicherheit und damit die Gesellschaft.

 

Wir, Kulturelle Trampeltiere in Taiwan?

Das nächste Malheur passierte uns einige Tage später, als wir mit Salome in ein Restaurant gehen. Damit sie sich etwas von unseren Tellern nehmen kann (und wir in Ruhe essen können) setzt sich unser patentes Kind einfach barfuß wie es ist auf den Tisch und stopft abwechselnd sich selbst und uns Nudeln und Grünzeug in den Mund. In Deutschland vermutlich nur am Rande ein Grund zur Verwunderung; hier aber ein absolutes Desaster. Gäste, Kellnerinnen und das gesamte Küchenteam sind fassungslos. Ein nervöses Gezucke setzt rings um uns ein, weil jeder eingreifen möchte und es sich doch nicht traut. Wir sind zutiefst verunsichert und trauen uns nicht, nun noch etwas an der Situation zu ändern. Wir essen voller Scham unser Essen auf. Selten wurde durch Blicke so viel Verachtung ausgedrückt.

 

Wir fühlen uns fremd

Wir beschließen, unser Essen in Zukunft to go zu bestellen. Im Nachhinein, so wird uns klar, haben wir uns wie die größten kulturellen Trampel benommen. Füße sind unrein und gehören nicht auf den Tisch – in Deutschland hätten wir wahrscheinlich Spaghetti mit Tomatensoße an alle Wände des Lokals schmieren müssen, um einen ähnlichen Effekt zu erzielen. Fast wollen wir wieder nach Hause. Immerhin regt uns unser Fauxpas zum Nachdenken an und lässt uns nachsichtig werden gegenüber all den Menschen, die uns als laute „Touristen“ genervt haben. Man merkt eben oft nicht, was man falsch macht – bis es zu spät ist.

 

Wunschbaum in Taipei (Taiwan)

Die Überforderung nimmt ab

Nachdem wir mit Glück diese ersten Herausforderungen gemeistert hatten, begann die zweite Phase unserer Ankunft, die leicht in der oben genannten Alternativhaltung hätte enden können. Warum muss hier alles glitzern? Wieso tragen erwachsene Leute Micky-Maus-T-Shirts? Warum darf man in der U-Bahn kein Wasser trinken, aber tropfnasse Regenschirme benutzen? Taiwan, selbst Taipei, ist im ersten Moment für Deutsche so anders, dass es sich auf irre Weise vertraut anfühlt, wie ein zerbrochener und falsch zusammengeklebter Spiegel. Da fällt es leicht, sich lustig zu machen: Das beste Exponat des Palastmuseums, gerettet aus den Schatzkammern der Verbotenen Stadt in Peking, ist ernsthaft ein Schinken aus Marmor? (Das findet man nur so lange witzig, bis man sieht, was für einen Stellenwert das Essen in dieser Gesellschaft hat. Wenn Regeln die taiwanesische Gesellschaft formen, sind Mahlzeiten der Kitt, die sie zusammenhalten.)

 

Auf den Spielplätzen gibt es keinen Sand, sondern nur Anti-Unfall-Gummiboden? Und überhaupt, diese ganzen Hinweisschilder! „Ziehe keine Gummischuhe auf der Rolltreppe an, oder du wirst eingesaugt!“, „Lungere nicht in zwischen den Wagons der U-Bahn herum“, „Lächle, du wirst auf Video aufgenommen“ und so weiter und so fort. Vielleicht ist es am Anfang dann eben doch kein Humor, sondern Angst, gepaart mit Überforderung, die unsere kleine Familie über so vieles lachen lässt.

 

Ankommen

Stück für Stück, Tag für Tag nimmt die Überforderung ab; wir treffen nette Leute, suchen uns ein Zimmer zur Zwischenmiete und freuen uns über die Hilfsbereitschaft der Taiwanesen. Irgendwann ertappen wir uns bei dem Gespräch, dass mit roten Glitzerperlen und zwinkernden Augenpaaren besetzte iPhone-Hüllen doch gar nicht so hässlich sind. Wir bekommen sogar Lust, in der gigantischen, die ganze Stadt durchziehenden Untergrund-Mall am Hauptbahnhof zu shoppen. Nur die geordnete Arbeitswut der Taiwanesen erstaunt uns noch immer; sind wir doch gerade mit dem Plan hierher gekommen, unsere Art zu arbeiten komplett neu zu erfinden. Vieles hier passt eben auch zu Deutschland – auch wenn das Bild, dass die Taiwanesen von Deutschland haben – „tüchtig, sauber, erfolgreich“ – für mich eher auf Taiwan selbst passen will.

Taiwan mit Kind? Unser Bericht!

 

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Taiwan verschmilzt jeden mit seiner Identität. Entweder du wehrst dich als Besucher dagegen und wirst die personifizierte weiße Alternative, die über alles lacht, was dir unverständlich vorkommt – die akribische Mülltrennung, der Shoppingwahn, die allgegenwärtigen Selfiesticks, die obskure Architektur – oder du wirst Teil des Ganzen und erlebst, wie du dich langsam, aber sicher verwandelst.
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Backpack Baby
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1 Comment

  • Reply
    t.o.b.i.
    Oktober 2, 2016 at 8:02 pm

    Hallo und schön zu lesen, dass euch Asien (mal wieder) herzlich aufgenommen hat…und ihr es jetzt genießen könnt.
    Solltet ihr neben dem Blog, all den Fotos und Erfahrungen etwas zum Mitbringen für Deutschland suchen, dann packt das Lächeln ein und verschenkt es dann hier sehr großzügig!

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