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Wohlleben – Was Luxus auf Reisen für uns bedeutet

Wie viel Luxus brauchen wir – und wie viel Luxus ist gut für uns? Die überraschende Antwort für uns ist: mehr, als wir dachten. Auf Reisen ist die Grenze des Zumutbaren für uns bereits bei der Klotür erreicht. Vor allem, wenn sie nur aromatisch unabgeschlossener Raumteiler ist – in einem Kabuff voller bunter Quadrate.

Die Wand in unserem neuen Zimmer in Chiang Mai explodiert in einem satten Mintgrün, über das jemand ein expressionistisches Gemälde gelegt hat; gemalt von jemandem, der nicht so richtig verstanden hat, was Expressionismus überhaupt ist – oder viel zu gut. Auf der gegenüberliegenden Seite des Raums ist ein Regenbogen verendet. Nach wenigen Minuten in unserem neuen Zimmer sind wir mehr als durchfühlt von den Hinterlassenschaften der fröhlichen Menschen, die auch noch Omas Tüllgardienen gebatikt und eine in Kontrastmittel getunkte Tagesdecke beigesteuert haben. Nachdem wir uns wieder an die Luft gekämpft haben, fragen wir uns verwirrt: aber wir mögen doch Farben? Was ist denn nur passiert? Sind wir zu anspruchsvoll?

Selbstsorge statt Genügsamkeit

Wir beginnen zu überlegen, wann und warum sich unsere Wünsche so verändert haben. Früher hat uns ein Doppelstockbett genügt. Zumindest eins unserer beiden Singlezimmer war quietschbunt. Unser Besitz war vielschichtig, aber sicher nicht qualitativ hochwertig. Im Grunde, stellen wir fest, hat unsere Genügsamkeit in uns den Wunsch nach mehr Selbstsorge geweckt. Die Genügsamkeit ist also der Grund, warum wir nicht in eine Farbpalette einziehen wollen – und das, obwohl wir vorher schon drei Mal umgezogen sind.

Eis gibt zwei Arten von Genügsamkeit. Die eine ist die, die wir anwenden sollten, wenn uns die Dinge zu viel werden. Abstand von den eigenen Besitztümern zu nehmen und zu schauen, wie viel freier wir uns ohne dieses oder jenes Möbelstück fühlen, ist eine Form davon.

Die andere Art von Genügsamkeit ist eher beschränkender Natur: Wir wollen jetzt Geld sparen, es geht nicht besser, es ist eine Notlösung. Mit diesen Gedanken im Hinterkopf sind wir einige Jahre gut durchs Leben gekommen – bis wir irgendwann mit der Geburt unserer Tochter an den Punkt kamen, an dem diese Art von Genügsamkeit plötzlich belastend wurde.

Minimalismus ist Luxus

In einer Schlacke aus Besitz, die kaum noch manövrierbar war, saßen da auf 45 Quadratmetern 2½ Leute in einer düsteren Erdgeschosswohnung, die im Grunde ein umfunktionierter Lagerraum war. Unsere Gäste, wenn sie denn kamen, hatten immer diesen besorgten Ausdruck im Gesicht, der zu sagen schien: „Und so wohnt ihr?“, der nur darauf wartete, gleich von einem unausgesprochenen „Na, ihr seid ja noch jung“ abgelöst zu werden. Wir arrangierten uns, und kauften ein Hochbett, um Platz zu gewinnen. Aber als schließlich kurz nach der Geburt von Salome auch noch unser Schlafzimmer zu schimmeln begann, was uns mit den Optionen zurückließ, entweder alle krank zu werden oder in ein multifunktionales Arbeits-Wohnküchen-Essschlafzimmer zu ziehen, war es endgültig aus mit der Genügsamkeit. In einer Hauruck-Aktion suchten wir zwangsweise einen Nachmieter, misteten aus uns stemmten schließlich mit unglaublichen Freunden in einer Woche Vorbereitungszeit einen kompletten Umzug.

Die neue Wohnung hat Licht, Luft, einen Balkon, Holzfußboden und hohe Decken. Sie ist ein Traum – weitaus mehr Selbstsorge als Genügsamkeit, obwohl in ihr viel weniger Dinge stehen als in all unseren Wohnungen zuvor. Sie ist eine minimalistische Version unseres vorherigen Lebens – mit mehr Freiraum.

Der Witz an der ganzen Geschichte ist – durch verschiedene Nachzahlungen an den Vermieter war unsere alte Wohnung letztendlich fast ebenso teuer wie die neue, größere.

Backpacken mit schlechtem Gewissen

Aus dieser Zeit haben wir Aversionen gegen Dunkelheit und Enge zurückbehalten, und den Wunsch, einerseits andere Reisende nicht mit Babyweinen zu stören, andererseits auch uns selbst nicht dem Geruch reifender Füße auszusetzen. Gleichzeitig scheint es ein großer Luxus zu sein, von der inneren Genügsamkeit Abstand zu nehmen. Wir fühlen uns regelrecht schlecht und verschwenderisch. Die Reise tut ihr Übriges, diesen inneren Zwiespalt in uns aufzurufen; uns zur Beschäftigung mit ihm zu zwingen: Nach vielen Fahrten in engen Nachtbussen und lauten Zügen ist ein Flug manchmal einfach eine Erleichterung – eben Luxus. Nach zu vielen kleinen, schimmelnden Zimmern ist ein sauberer, eleganter Raum eine Wohltat – eine Annehmlichkeit.

Je bequemer wir reisen, umso stärker wächst in uns das schlechte Gewissen – leben wir nicht über unsere Verhältnisse? Diese Gedanken rumoren so lange in uns, bis wir uns hinsetzen, Kassensturz machen und unsere Finanzen vorausberechnen. Am Ende steht der Entschluss, lieber die Reisezeit zu verkürzen, als sie unnötig zu einer Strapaze zu machen.

Grenzen ziehen und dabei glücklich sein

Luxus ist nicht der – ohnehin unerfüllbare – Wunsch nach exklusivem Mehr, nach alleinigem Besitz; Luxus kann auch ein basaler Gedanke sein, den wir uns trauen zu denken.

Wir denken uns gerade, dass wir zum vierten Mal in Chiang Mai umziehen müssen. Nicht nur, weil unsere aktuelle Behausung einen wirklich luxuriösen Gebrauch von Farbschattierungen macht, sondern auch, weil wir uns auf unserem Klo nicht gegenseitig hören wollen. Wirklich nicht. Es gibt viele Grenzen, die auf einer Weltreise fallen; Grenzen, die in der Heimat unverrückbar scheinen. Wir könnten eigene Artikel über sie schreiben. Eine Grenze aber wollen wir gewahrt wissen: die der privaten Toilette. Wenn das Guesthouse pro Raum ein eigenes Badezimmer anbietet, sind wir glücklich. Wenn dort die Toilette aber nicht mit Wänden abgetrennt, sondern zur Decke hin offen ist, finden wir das eher unromatisch. Also ziehen wir wieder um.

Als Familie auf Weltreise sein ist Luxus

Je länger wir unterwegs sind, umso größer wird das Bedürfnis nach Komfort, Freiraum und Ruhephasen. Das klingt erst einmal elitär und eingebildet, aber hat für uns hat Luxus in den letzten Jahren immer mehr die Form vorgefertigter Konsumprodukte verloren, um sich in Selbstsorge zu verwandeln.

Biologisch angebautes, veganes Essen ist für uns ebenso ein Luxusgut wie die Zeit, die wir uns für unsere Tochter nehmen. Reisen mit unserem Kind ist ein enormer Luxus. Wie viel Geld die einzelnen Posten dabei veranschlagen, ist dabei nicht der erste Gedanke – ein klares Zeichen dafür, wie luxuriös all diese Dinge sind. Das Ganze ließe sich unter Schlagworte wie „Slow Living“ fassen; ich persönlich bevorzuge das Wort „Wohlleben“. Es klingt viel mehr wie das, was all die Annehmlichkeiten eigentlich sind, die uns die Konzerne im Rahmen ihrer Werbekampagnen mit ihren Gütern verkaufen wollen – es sind Geschenke an uns selbst.

Geschenke an uns selbst

Geschenke, die uns nicht materiell belasten, sondern die uns gut tun. Ein abgetrenntes Bad. Zeit zum Nachdenken. Yoga, Meditation, Reflektion. Ein sauberer Schrank, ein bequemes Bett und gedeckte Farben. Ein schlichtes, stilvolles Zimmer. Platz. Klare Formen.

Wir brauchen keinen Kühlschrank, keine Aircon und keinen Fernseher – Dinge, die andere als selbstverständlich auf Reisen annehmen, ja, sie die besitzen uns sich trotzdem genügsam nennen würden. Genügsamkeit, Selbstsorge und Luxus sind für jeden Menschen anders mit Bedeutung gefüllt.

Für uns ist Genügsamkeit die Konzentration auf wenige, gute Dinge; Selbstsorge die Zeit, sich auf diese Dinge zu konzentrieren und Luxus die Möglichkeit, sich diese Zeit auch zu nehmen.

Für uns zählt jeder Tag. Wir wollen uns nicht mehr eingesperrt fühlen, schon gar nicht auf Reisen. Wir wollen uns wohlfühlen, wir wollen wohlleben. Ein Ort, der uns entspricht, macht uns kreativ und hoffnungsfroh. Wir wollen glücklich sein – und schön jeder alleine auf Toilette gehen.

 

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