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Warum wir uns so oft über andere ärgern und was wir daran ändern können

Warum ärgern wir uns so häufig über andere Menschen, warum wünschen wir ihnen alles Schlechte, anstatt ihnen hilfreich zu sein? Der Philosoph Alain de Botton hat dafür einen interessanten Vergleich gefunden, der mich oft an meine Tochter denken lässt. Er sagt, Babys seien oft übellaunig, gemein oder unsensibel ihrem Umfeld gegenüber – es würde aber niemand auf die Idee kommen, diese Kinder als schlechte Menschen zu bezeichnen. Im Gegenteil, so de Botton, jeder wüsste genau: wenn ein Kind schlecht drauf ist, gibt es einen Grund dafür, und auch wenn wir den Grund nicht kennen, hilft uns dieser Gedanke, Nachsicht zu üben. Das Baby kann zahnen, das Kleinkind Wachstumsschmerzen haben; kurz: sie leiden an ihrer Weiterentwicklung. Jeder Entwicklungsprozess beinhaltet Schmerzen und ist ein Stück weit anstrengend. Nicht anders geht es Erwachsenen. Auch sie leiden, und je nachdem, ob der Leidensdruck durch Verändertes oder durch Unverändertes größer ist, geben sie in die eine oder in die andere Richtung nach.

Menschen, die sich entwickeln, verdienen unser Mitgefühl und unsere Anerkennung – zuallererst aber unsere Aufmerksamkeit. Denn der große Unterschied in unserem Umgang mit quengeligen Kindern und unglücklichen Erwachsenen ist nur, dass wir den Ursachen des erwachsenen Leidens gegenüber nicht offen sind. Wenn uns ein Kassierer an der Supermarktkasse anschnauzt, die Frau hinter uns ihren Einkaufswagen ins Knie rammt und draußen jemand mit Karacho sein Moped in unser Fahrrad rammt, sodass es umfällt, ist es oft schwer, den Gedanken des Mitgefühls aufrechtzuerhalten. Aber auch hier handelt es sich wiederum nur um eine Trainingsfrage, die am Ende zu einer Weiterentwicklung für uns selbst führt. Wie viel einfacher könnte es in der Welt zugehen, wenn wir alle in der Lage wären, offen für die Veränderungen und Eigenheiten der anderen zu sein, die sie in diesem Moment zu dem zugegebenermaßen vielleicht unausstehlichen Wesen machen, dass sie nun einmal sind? Das Mitgefühl und die Zuneigung, die wir für Kinder empfinden, ist ein guter Prüfstein für den Umgang mit allen Menschen. Es ist viel einfacher, langmütig zu sein, wenn man bedenkt, dass es selten böse Absicht sondern vielmehr Überforderung ist, die sich in wütendem Verhalten manifestiert. Die Macht der Erkenntnis, die wir über uns haben, verleiht uns auch die Stärke, anderen gegenüber leicht nachsichtig zu sein.

In Taiwan scheint diese Stärke in die Gesellschaft implementiert zu sein; kaum einmal sehen wir unaufmerksame Menschen, nie einen Streit. Der Andere wird immer mitgedacht – dass dem so ist, erkennen wir interessanterweise ausgerechnet an unserer Tochter. Anders als in Deutschland werden hier ihre persönlichen Grenzen kaum respektiert. Sie wird von fremden Leuten hochgehoben, in die Wangen gekniffen, gestreichelt, auf die Hand geküsst. Manchmal überlegen wir, ob wir ihren persönlichen Raum nicht genug schützen – dann wiederum gibt sie uns so klar zu verstehen, was sie möchte, und macht derartig viele positive Erfahrungen, dass wir uns keine Sorgen machen. Wir haben uns gefragt, woran dieser im ersten Moment so nachlässig wirkende Umgang mit der Intimsphäre unserer Tochter wohl zusammenhängen könnte, und wir sind auf den Gedanken gekommen, dass Babys und Kinder hier keine eigenen Personen darstellen, sondern Anhängsel der Eltern. Wenn ich die Frau an der Supermarktkasse nicht als Person wahrnehme, sondern als Anhängsel ihres Einkaufswagens, dann kann ich sie auch leicht in die Wange kneifen, weil sie mich nervt oder ich sie niedlich finde. Aber ich bin ihr gegenüber weiterhin unachtsam. So faszinieren uns der übermäßig freundliche und doch gleichzeitig unachtsame Umgang der Taiwanesen weiterhin, weil er doch Deutschland so wenig entspricht, dass sich die Verhaltensmuster am Ende wieder annähern.

Sobald Lola übrigens mit Kindern spielt, sind nur noch die Bedürfnisse des Augenblicks wichtig; alle begegnen sich so unvoreingenommen, dass man gar keine Barrieren des Missverständnisses abbauen muss, um zu verstehen, warum der andere sich so verhält, wie er sich verhält. So lernen wir auch in Taipei jeden Tag gefühlt mehr von unserem Kind als unser Kind von uns.

 

Von Olaf

Auf der Reise zu sich selbst. Minimalist. Reiseblogger. Glücklicher Papa.

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