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Warum unsere Toilette zu schmutzig war

Vater mit Kind in Asien

Nachdem wir auf Reise mit unserem Kind in Indien waren, wollte in Deutschland niemand mehr bei uns auf die Toilette gehen. Warum? Ganz einfach: Sie war zu schmutzig.

Nun ist es nicht so, dass uns Dreckränder und Kalkflecken in der Kloschüssel grundsätzlich egal sind. Wir geben auch unsere Körperhygiene nicht an der Badezimmertür ab. Nein, unsere Gäste hatten einfach einen umgedrehten Kulturschock. Nach unserer Reise mit Kind in einem staubigen, heißen Land mit einem grundsätzlich sehr entspannten Verhältnis zum Verfall waren wir anders sozialisiert. Wir dachten wirklich, unser Bad wäre sauber. Immerhin gab es bei uns keinen durchdringenden Uringeruch, das war doch schon was!

Der heimliche Kulturschock

Wenn wir länger in einem Land leben, nehmen wir als Reisende naturgemäß etwas von der Lebensart des Ortes an, den wir besuchen. Manchmal geschieht das unmerklich, wie bei der Art, leichtbekleidete Touristen an Tempeln entsetzt anzusehen. Oder bewusster, wenn wir uns verzweifelt an die richtigen Thai-Zahlen auf dem Wochenmarkt zu erinnern versuchen. Unser unsauberes Bad war Ausdruck einer unmerklichen Übernahme. Indien ist ein einzigartiges Land, in dem viele Dinge, die uns in Deutschland als selbstverständlich vorkommen, ein besonderer Luxus sind. Wie die Möglichkeit, ein Bad alleine zu besuchen, oder überhaupt ein Bad sein Eigen zu nennen – mit Wasser aus dem Hahn, das tatsächlich trinkbar ist.

Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb fühlten wir uns in Indien glücklicher als an vielen anderen Orten zuvor. Zurück in Berlin waren wir deshalb etwas erschrocken, als die – natürlich sehr höflich formulierten – Rückmeldungen bei uns eintrudelten. Wir hätten doch grundsätzlich eine sehr charmante Laissez-faire-Attitüde, und eine gewisse Zwanglosigkeit würde uns ja schließlich auch ausmachen. Wir verstanden den Wink, justierten unsere inneren Kultureinstellungen und putzten das Bad nach deutschen Standards.

Kurz danach hatten wir eine Putzfrau.

Ich besitze keine festen Schuhe mehr

Der Druck, unser Leben mit einem fröhlichen, jedoch auch sehr aktivem Kind auf einem präsentablen Niveau zu halten, setzte uns mehr zu, als uns im ersten Moment auffiel. So, wie es uns auf der Reise mit Kind in Indien auch nicht aufgefallen war, dass wir plötzlich ganz anders lebten. Anders, als wir es in Deutschland jemals für möglich gehalten hätten. Das bezieht sich natürlich nicht nur auf unser Klo. Feste Schuhe? Besitze ich seit mehreren Monaten nicht mehr. Irgendwo gibt es immer einen Flip-Flop-Stand, der mir im Notfall mit einem Set Ersatzschlappen aushilft. Auch wenn es, zugegeben, keine gute Verhandlungsposition ist, auf einem Bein vor dem Laden hüpfend über den Preis echt nachgemachter Birkenstock-Sandalen zu feilschen. Jedenfalls – feste Schuhe? Fehlanzeige.

Kind ist barfuß

Interkulturelle Skurrilität

Da diese Verschiebungen immer graduell erfolgen (wir also nicht an einem Tag die reinlichsten und am nächsten Tag die peinlichsten Menschen sind), fällt ein solcher Umschwung in den persönlichen Gewohnheiten nur auf, wenn wir einer Differenzerfahrung ausgesetzt sind. Bei unseren Gästen war das unser Bad, der Kulturschock war wie gesagt nicht auf unserer Seite. Jeder Besuch hier in Asien sieht uns ungläubig schwitzend dabei zu, wie wir bei ungefähr 26 Grad mit den Worten: „Ist ja heute auch hübsch kalt, nicht?“ zu Poncho, Socken und Halstuch greifen. Ein warmer Tee hat ja auch noch niemandem geschadet, oder?

Unsere interkulturelle Skurrilität, die sozusagen eine Langzeitfolge intensiven Reisens wie Raucherhusten ist, bemerke ich hin und wieder auch bei mir selbst. Wenn ich bei Freunden in ihrem eleganten Bad stehe und die blinkenden Armaturen bestaune („Aus dem Wasserhahn schießt ja seitlich gar kein Wasser! Die Fenster sind nicht verzogen? Und der Spülkasten muss nicht nach jedem Toilettengang händisch wieder instand gesetzt werden? Wow!“), wird mir bewusst, wie einfach unser Leben geworden ist.

Andere Menschen würden unseren Alltag und unseren Lebensstandard vielleicht sogar als schäbig bezeichnen. Ich hingegen bin einfach nur überrascht, wie glücklich ich mich in unserem Haus fühle – mit all seinen kleinen Mängeln.

Unser Leben ist einfach geworden – und das ist gut so

Im Gegenteil, heute hätte ich sogar Sorge, dass ich mich mit mehr Geld wieder an ein Niveau gewöhne, dass ich hinterher vermissen würde. Währenddessen könnte ich meinen Lifestyle ohnehin nur mit Mühe vor aktiven Kinderhänden beschützen. (Hat ihr Kind auch schon mal einen Liter Speiseöl im Bad ausgeschüttet, um seine Puppen zu waschen? Dann bitte hier entlang, nehmen Sie sich ein Trostkissen vom Stapel.) Außerdem müssten wir in der Zwischenzeit ja auch noch das ganze Geld verdienen, dass wir bräuchten, um so schön zu wohnen.

Um das noch mal klarzustellen: Ich habe nichts gegen schöne Häuser oder saubere Klos. Einige meiner besten Freunde haben saubere Klos. Aber wir sind ursprünglich auf die Reise mit unserem Kind aufgebrochen, um unsere Zeit frei gestalten zu können. Würde ich mich dabei an eine fixe Idee klammern, wie unser Alltag auszusehen hat, würde ich nur einen komplizierten Teil unseres früheren Lebens importieren.

Unser kleiner Weg zum Glück

Mein Bad ist zwar klein und riecht mittlerweile ein wenig ranzig. Aber wenn ich aus der Tür trete, erwarten mich grün bewaldete Hügel und sonnenbeschienene Reisfelder. Im Hintergrund rauscht leise ein Fluss.  Die Bananenstauden und Limettenbüsche wiegen sich träge in der sanften Briese, die über das Tal hinwegstreicht.

Wenn ich das Gefühl habe, dass uns die Decke auf den Kopf fällt, fahren wir in ein gemütliches Restaurant, dessen Essen wir lieben, das wir uns leisten können und in dem sich das Personal über unsere Tochter freut. Ich empfinde keine Einschränkung, keinen Mangel, nur Glück. Ich brauche mich nicht darum zu sorgen, wie wir auf andere wirken oder ob ich einen Fleck auf meiner Jacke habe. Ich kann sein, dieses Dasein genießen und dabei einfach froh sein, wie wenig ich zum Glück brauche. Ohne unsere Reise mit unserem Kind und die entsetzten Blicke unserer Freunde ins Klo damals wäre uns das nie aufgefallen.

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2 Comments

  • Reply
    Anja
    März 1, 2020 at 11:42 am

    Ich kann dieses Gefühl der Kulturschocks soooo nachempfinden. Vor einigen Jahren waren wir auf langer langer Backpacker-Tour durch Asien. 2 Monate Nepal lagen hinter uns und wir haben uns mit einer Freundin aus Dtld. verabredet, uns in Bangkok zu treffen. Ihr 1. Mal Asien. Ihre Reaktion: „OMG, soviel Verkehr! So chaotisch!“ Unsere Reaktion: „Wow, hier halten die Autos sogar bei Rot u. bleiben einigermaßen auf der Fahrspur!“ 😀 Bin echt froh, euren Blog u. Insta-Account gefunden zu haben.

    • Reply
      Olaf
      März 2, 2020 at 10:10 am

      Ja, der Reverse Culture Shock ist krass. Haha, die Geschichte ist fantastisch und hätte uns auch genau so passieren können! „Einigermaßen auf der Fahrspur“ ist für uns Langzeitreisende eben schon viel! Vielen Dank und weiter viel Spaß beim Folgen und Lesen hier!

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