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Wie meine Hose nicht mit auf Weltreise kam – Spontan und minimalistisch reisen mit Kind

Eines schönen Morgens im April weckt mich meine Freundin Josi mit den Worten: „Olaf, wir müssen nach Bali“. Ich hoffe jedenfalls, dass das, was dort gräulich durch die Fenster unserer Berliner Wohnung in unser Schlafzimmer sickert, Morgenlicht und nicht Mogellicht ist. Als ich meine schlafverkrusteten Augen endlich halbwegs öffne, sehe ich, dass unsere kleine Tochter noch selig schläft. Das ist immer verdächtig. Ein guter Morgen beginnt mit einem kleinen Fuß im Gesicht, der mir energisch vermittelt, dass jetzt aber wirklich und ultimativ endlich Zeit zum Aufstehen ist. Kinder – die wunderbaren Alarmwecker der Natur.

Umso misstrauischer blicke ich unter meiner Decke hervor. Ich weiß weder, wo Bali ist noch wieso wir vor der Dämmerung dort hin müssen. Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich das alles nicht nur träume.

Genau sieben Wochen später stehe ich ohne Hose am Flughafen von Düsseldorf und wundere mich. Also, ich habe schon etwas an; aber meine Ersatzhose liegt in einer Kiste im Keller unserer Wohnung, die jetzt für zehn Monate an ein interkulturelles Pärchen untervermietet ist. Dass es meine Beinkleider nicht mit auf Reisen geschafft haben – übrigens genauso wenig wie zwei meiner ursprünglich mal fünf T-Shirts – liegt daran, dass ich zu viele Hosen und T-Shirts besitze.

Wie unser Standmixer fast eine Weltreise verhindert hätte

Selbst mit zwei großen Backpacks und einem kleinen Rucksack vergessen wir schon, dass wir einige Dinge dabei haben. Passiert das über einen längeren Zeitraum, werden diese Sachen aussortiert. Ironischerweise habe ich selbst hier hin und wieder Schwierigkeiten, sofort das zu finden, was ich suche (den Kamm, die Nagelschere, meine Unterhosen). Wenn wir diese Situation nehmen und, sagen wir, die Unterhosen mit dem Faktor 125 multiplizieren, erklärt sich leicht, wieso ich in Deutschland immer alte, aufgerissene Hemden getragen habe, während meine neu gekauften Sachen in den Tiefen unserer Truhen und Schränke verschimmelten. Eine interessante Erkenntnis, die wir praktisch nebenbei beim Packen unserer Rucksäcke aufgegabelt haben, ist, dass wir viel mehr unserer Kleidungsstücke tragen, wenn wir ungefähr 75 Prozent davon aussortieren. Das eine Lieblingskleidungsstück steckt nämlich ansonsten immer in der Ritze der Sockenschublade und wird nicht angezogen. Nie. Überhaupt sind die meisten Dinge Relikte, die sofort auseinanderfallen, wenn wir mal genauer hinsehen. Die durchschnittlichen Klamotten sind wie schlechte SchülerInnen, der nur beim Abi durchkommen, weil sie sich unter der Masse der Mittelmäßigen verstecken.img_3686_salome

Zumindest wir als Familie fühlen uns von unseren Reichtümern, die in unzähligen Winkeln unserer Behausung überwintern und hämisch kichern, wenn wir über sie stolpern, überfordert. Eigentlich ist es komisch, dass nicht alle Ratgeber zur Lebenssimplifizierung raten, einfach mal den ganzen Scheiß einzulagern (wenn wir ihn schon, sentimental wie wir sind, nicht wegschmeißen können), und wegzureisen. Alles, an das wir uns hinterher nicht erinnern, kommt auf den Kompost. Ganz easy.

Aber bis ich mal die Hose gefunden habe, die ich auf Weltreise mitnehmen will, vergeht viel Zeit (vor allem, wenn die Hose dann letztlich doch nicht mitkommt, weil sie wieder in der Wäsche landet, weil wir zu viel Zeug haben). Unser Besitz stört nicht nur unseren Alltag und unsere Beziehung, da seine Verwaltung uns belastet, sondern vernichtet auch jede Form von Spontanität. Hätten wir nicht unsere gefühlten Verpflichtungen an unseren Ohrensessel und unseren Standmixer gehabt, wer weiß, wie früh wir den Entschluss gefasst hätten, aufzubrechen?

Vegan sein ist nicht mehr edgy genug

Rückblende: März 2016. Wir besuchen die „Rohvolution“ in Berlin. Vegan zu sein ist uns nicht mehr hardcore und edgy genug, mittlerweile macht das jeder dritte Oberstudienrat. Wir wollen wissen, was genau dran ist an den Gerüchten von ewiger Gesundheit und gutem Essen. Letztlich landen wir auf einem Vortrag von Ka Sundance von der Sundance Family, der es geschafft hat, mit seiner Frau und mittlerweile sechs Kindern dauerhaft auf Reisen zu sein und davon zu leben. Bei ihm geht es nicht ums Essen, sondern um eine Frage: Wie komme ich an Orte, an die ich schon immer wollte? Eigentlich sollte das ja ganz einfach sein – aber das ist es nicht. Das zeigen allein schon die circa 150 Leute im Saal, die so unterschiedlich aussehen, als hätten sie die Veranstaltenden nach Quoten gefastet.

Die Entscheidung, überhaupt zu gehen, ist das Schwierigste – das sagt jeder Lonely Planet zu Recht. Die Fragen der ZuhörerInnen drehen sich um Steuererklärungen aus dem Ausland, verpflichtende Impfungen und Reisebudgets – und wir stellen erstaunt fest, dass wir die meisten Hürden in Gesprächen schon erkannt und längst abgetragen haben. Bisher haben wir nach dem Ende unseres Studiums gehofft, eine sichere Stelle in Deutschland zu finden – ein Wunsch, der aber an den unmenschlichen Erwartungen vieler ArbeitgeberInnen zerschellt. Über die Familienfreundlichkeit großer Teile der deutschen Arbeitswelt ist noch viel zu sagen. Damit hält uns nur noch unser Besitz in Deutschland – und die Angst davor, spontan zu sein.

img_0287Das hier ist ein großes Auto!

Wir verdrängen also die Erkenntnis, dass wir im Grunde schon mit mehr als nur einem Fuß im Indischen Ozean stehen, und tun das Nächstliegende: Wir heiraten und kaufen uns ein neues Bett – groß, familientauglich, mit einer fantastischen Matratze. Ein Hochzeitsgeschenk an uns selbst. Am Ende einer sehr kurzen Nutzungszeitspanne von zwei Tagen steht der energische Entschluss, eben dieses Bett mitsamt der es beherbergenden Wohnung für mindestens zehn Monate zu vermieten und nach Bali zu reisen.

Wo auch immer das ist, denke ich an diesem Morgen. Ich glaube, dass im Gehirn meiner Frau wunderbare Dinge vorgehen, wenn sie schläft. Und ich weiß sicher, dass ich nicht in der Lage bin zu begreifen, worum es sich bei diesen Dingen handelt, wenn ich im Halbschlaf bin. Je wacher ich werde, umso klarer wird mir jedoch, warum wir nach Bali müssen – neues Bett hin oder her. Letztlich ist dieser Gedanke, einen Ort zu besuchen, den wir beide nicht kennen, von dem wir nichts wissen, nur der Dreh- und Angelpunkt eines viel größeren Projekts: Wir wollen die Welt sehen – angefangen bei Südostasien. Wir haben das Ganze in Deutschland immer und immer wieder angeschoben, auch wenn es schwierig wird, wenn schon die PassantInnen auf der Straße es für vermessen halten, beim Morgenspaziergang außerplanmäßig die Straßenseite zu wechseln. Aber wenn ich ehrlich bin, ist es nicht das Umfeld, das uns wirklich zu schaffen gemacht hat. Die größte Hürde vor einer Weltreise sind die eigenen, verneinenden Gedanken. Jetzt, da wir unterwegs sind, muss sowieso alles irgendwie spontan funktionieren – und der Witz ist: das tut es dann auch.

Spontan sein heißt, dass wir auch mal ein überteuertes Taxi vom Flughafen in die Innenstadt von Hanoi bezahlen müssen, weil wir uns nicht richtig vorbereitet haben. Dann wird der Taxameter unter einem Schlapphut versteckt, überteuerte Preislisten gezeigt („Das hier ist ein großes Auto!“) und letztlich sehr viel Geld gefordert. Der Witz ist, dass uns diese Situation fast identisch in Bangkok erneut wiederfahren ist – nur, dass wir am Ende durch kluges Verhalten sogar noch unter dem im Reiseführer angegebenen Preis lagen.

Betrunken vor einer Glaswandimg_2559

Spontan sein heißt allerdings auch, es mit Humor zu nehmen, wenn mal alles in die Grütze geht. Wir kommen im Leben, also auch auf Reisen, ständig in Situationen, auf die wir uns nicht vorbereiten können. Da ist dann mal der Van, mit dem zwölf BackpackerInnen samt unserem Kind mitfahren, eher eine Keksdose als ein Auto. Oder die vietnamesische Staatsfluglinie verweigert sich aus Prinzip ausländischen Kreditkarten. Ganz zu schweigen von Bootsfahrten in Ha Long Bay, die trotz Monsun wie geplant stattfinden („Überschwemmte Straßen? Ich lebe hier seit zehn Jahren, auf dem Meer klart das auf!“). Wir wachsen als Paar und als Familie an diesen Situationen, weil wir so trainieren, spontan gut (oder wenigstens passabel) zu reagieren. Weiter geht es immer, und wenn es eben Teil der landestypischen Folklore ist, immer zwanzig Minuten später zu kommen, schalten Josi und ich unser inneres akademisches Viertel wieder an, und alles ist gut.

Im Alltag in Deutschland war Unvorhergesehenes für uns viel häufiger ein Problem. Wenn das Unvorhersehbare zum Lebensstil wird, stärkt das das Selbstvertrauen und die eigenen Fähigkeiten als Krisenmanager. Bevor wir aufgebrochen sind, hatten wir das Gefühl, betrunken an einer gläsernen Wand zu stehen und den Ausgang nicht mehr zu finden. Hier in Südostasien sind wir vielleicht immer noch betrunken, aber die Glaswand ist weg. Bekannte Einschränkungen bringen uns nicht weiter, unbekannte schon. Allein deshalb lohnt es sich, genau darüber nachzudenken, welchen Erfahrungen wir uns aussetzen wollen.

Wenn wir von hier draußen auf Europa blicken, haben wir den Eindruck, dass sich alle in ihrem Wohnzimmer vergraben wollen, bis es draußen endlich wieder Sommer ist. Dabei ist der Sommer im Kopf hausgemacht.

img_3192Reisen macht Lust auf Reisen

Wir haben die Möglichkeit, unserer Tochter wunderschöne Orte zu zeigen, bevor sie von der Landkarte verschwunden sind. Wer nach einer derartigen Reise nicht die Umwelt schützen möchte, hat zu viel Zeit in abgeriegelten Ressorts verbracht. Vor allem aber wird das Potential deutlich, das in allem steckt – in uns selbst, und in der Welt. Salome hat die Möglichkeit, überall auf der Welt zurechtzukommen, wenn sie es möchte – und das lernt sie schon vor ihrem zweiten Geburtstag. Ich hatte früher immer Angst, ins Ausland zu gehen – selbst wenn es kein Ausland gewesen wäre, sondern zum Beispiel Schweden – weil meine eingebildeten Ängste immer größer (und nicht zuletzt andere) waren als die realen.

Wir erleben als Familie die Welt mit offenen Armen und finden in jedem Ort Freunde und Spielzeug, das von der Koralle bis hin zum Motorradhelm wirklich alles sein kann – so werden imaginäre Grenzen am Entstehen gehindert. Unsere Reise macht uns Lust auf Reisen. Wir haben unterwegs von Gegenden gehört, die wir nie gesehen hätten, wären wir nicht gereist. Die Liste unserer möglichen Ziele wird jeden Tag länger. Sie wird es auch deshalb, weil wir jetzt nicht nur wissen, wie wir reisen wollen, sondern auch, wie wir leben möchten: minimalistisch und spontan – auch wenn dabei hin und wieder eine Hose auf der Strecke bleibt.


Dieser Artikel ist zuerst als Gastbeitrag bei GITZY erschienen.

„GITZY ist ein Online Magazin, das verschiedene Perspektiven, Meinungen und Erfahrungen zusammenzubringen versucht. Wir wollen zeigen, dass es „die Familie“, „die Beziehung“ oder „die Gemeinschaft“ nicht gibt – die Lebenswelten und Kollektive in unserer Gesellschaft sind so vielfältig, wie die Menschen, die an ihnen teilhaben.“

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